Körper im Bett, Kopf im Büro

Weglassen senkt Stress schneller als Tools

Autor:
Tobias Boba

Lesedauer:
7 Minuten



21:45 Uhr. Norddeutschland. Ein Bereichsleiter einer Bank liegt im Bett. Das Handy liegt auf dem Nachttisch, Display nach oben. Nicht, weil er süchtig ist, sondern weil er Verantwortung trägt.

Dann ploppt eine Mail auf:
„Morgen früh: Risiko-Update.“

Und in exakt diesem Moment ist er nicht mehr im Schlafzimmer.
Er ist wieder im Büro: in Folien, in Angriffspunkten, in „Was, wenn ich etwas übersehen habe?“.
Er sagt leise: „Ich bin hier aber mein Kopf ist im Büro.“

Wenn du das kennst, kann ich dir helfen: Das ist kein Charakterproblem. Das ist ein Systemproblem. Du bist nicht „zu wenig resilient“. Du bist ungeschützt erreichbar und dein Alltag trainiert dich auf Reaktion.

Und jetzt kommt meine unbequeme These:
Wenn dein Tag dich im Minutentakt triggern darf, rettet dich kein zusätzliches Tool.

Dann sammelst du nur noch ein weiteres „Sollte ich eigentlich…“.

Was in der Praxis erfahrungsgemäß am schnellsten entlastet, ist nicht „noch eine Methode“.
Es ist Weglassen.

Was die Forschung zu „Weglassen“ wirklich sagt

  • Weniger häufig E-Mails checken → weniger Stress
    Ein Feldexperiment von Kushlev & Dunn (2015) hat Menschen zwei Zustände testen lassen: einmal „E-Mails so oft wie möglich“, einmal „nur wenige feste Check-Zeiten“.
    Ergebnis: In der Phase mit seltenerem Checken berichteten die Teilnehmenden weniger täglichen Stress.
  • E-Mail-Last ist nicht nur lästig, sie kann ein eigener Stressor sein
    Eine Studie von Kern et al. (2024) zeigt in Längsschnittdaten: Hohe E-Mail-Last sagt später mehr Belastung voraus, selbst wenn man andere Stressoren wie Zeitdruck und Unterbrechungen berücksichtigt. Außerdem kann E-Mail-Last später auch Zeitdruck und Unterbrechungen mit antreiben.
  • Unterbrechungen/Notifications erhöhen Belastung
    Zur Ping-Thematik gibt es ebenfalls klare Hinweise: In einem Feldexperiment von Ohly et al. (2023) war eine Reduktion von notification-bedingten Unterbrechungen mit weniger Belastung und besserer Performance verbunden. Und ETH-Forschende zeigten experimentell, dass wiederholte Unterbrechungen den Körper messbar stärker stressen können (mehr Stresshormone).


Die Daten sagen etwas Unbequemes: Wenn ihr Permanentreize und Unterbrechungen nicht aus dem System nehmt, bleibt das Nervensystem im Dauerstress. Deshalb ist „Weglassen“ oft der schnellste Hebel.

Wie zeigt sich das in der Praxis

Bei dem Bereichsleiter war es wie so oft: Er hatte nicht „zu viel Arbeit“. Sie hatte zu viele Trigger.

  • Er checkte zu oft das Smartphone.
  • Er bekam zu viel CC, „nur zur Info“, Ketten ohne klare Zuständigkeit.
  • Er wurde zu oft unterbrochen, Pings, Rückfragen, „kurz mal“.

Das Ergebnis: Sein Tag hatte keinen Rhythmus mehr. Nur Reaktion.
Und wenn du so führst, passiert etwas Fieses: Du wirst ineffizient.

Der 14-Tage-Test


Kein Digital-Detox-Theater. Das ist Arbeitsdesign.

  • Regel 1: Drei Inbox-Zeiten am Tag. Push aus.
    Genau das nimmt Druck aus dem System. Und ja, du brauchst dafür einen Notfallweg. Aber einen echten, nicht „alles ist dringend“. Bei ihm war die Erleichterung fast körperlich, als klar war: Wenn es wirklich brennt, kommt es über den Notfallweg. Alles andere wird im geplanten Zeitfenster beantwortet.
  • Regel 2: Zwei Fokusfenster am Tag, ohne Pings.
    Nicht als Ego-Projekt, sondern teamweit. In dieser Bank war das der Gamechanger, weil es aus „ständigem Dazwischen“ wieder „Arbeiten am Stück“ gemacht hat. Und am Stück denken ist für Führung keine Kür. Es ist Pflicht, um gute Entscheidungen treffen zu können.
  • Regel 3: CC-Bremse + klare Mail-Sprache.
    Nicht jeder muss alles lesen. Wer nicht handeln muss, muss nicht in Kopie. Und jede Mail beginnt klar: Entscheidung / Aufgabe / Info. Damit aus „Alarm“ wieder „Struktur“ wird.


Mehr Regeln brauchst du am Anfang nicht.
Drei reichen, wenn sie gelten.

Was nach 14 Tagen wirklich anders ist

Nicht: „Alles ist entspannt.“
Sondern: Du wirst wieder klar.

Bei dem Bereichsleiter war das nicht spektakulär, es war effizient. Er hat nicht plötzlich weniger Aufgaben. Aber er hatte weniger innere Unruhe. Weniger „nur kurz gucken“.

Und plötzlich wurde abends wieder möglich, was vorher wie ein Witz klang: im Bett liegen und tatsächlich runterfahren. Und das wirkt nicht nur privat.
Im Job merkst du es auch: weniger gereizter Ton, weniger Hektik-Entscheidungen, weniger Nacharbeit.
Das ist keine Wellness. Das ist Selbstmanagement.
Hektik macht Menschen nicht schneller, sie macht sie fehleranfälliger.

Mini-Checkliste:

Wenn du gerade brennst, starte hier:

  • Push aus.
  • Drei Inbox-Zeiten.
  • Zwei Fokusfenster ohne Pings.
  • Ein Notfallweg, der wirklich zählt.

Zwei Wochen. Dann schaust du, ob dein Kopf wieder dir gehört.

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