Autor:
Tobias Boba
Lesedauer:
10 Minuten
Meine Antwort aus der Praxis: Wenn du Achtsamkeit nur als Produktivitäts-Button einführst, wird’s oft enttäuschend.
Wenn du sie aber als Hebel gegen die größte Zusatzbelastung im Arbeitsumfeld nutzt, dann wird sie plötzlich sehr produktiv. Und zwar nicht nur „theoretisch“, sondern messbar im Alltag: weniger Reibung, klarere Gespräche, weniger Eskalation, mehr Fokus und oft auch: weniger Ausfälle, weniger Fluktuation, bessere Qualität.
„Achtsamkeit ist kein Produktivitäts-Knopf. Sie ist ein Regler für Reaktivität und der entscheidet unter Druck über die Funktionsfähigkeit gesamter Teams.“
In Unternehmen sehe ich zwei typische Missverständnisse und beide treffen gestresste Führungskräfte besonders hart:
Missverständnis 1: Achtsamkeit = Tool für den Einzelnen.
Dann wird sie zum netten Pflaster neben einem System, das Menschen dauerhaft überlastet.
Ergebnis: Zynismus. („Ich soll mich regulieren, damit hier alles so bleiben kann.“)
Missverständnis 2: Achtsamkeit = Produktivitätsversprechen.
Dann wird sie mit der falschen Erwartung bewertet: „Hat das meine Leistung messbar hochgeschraubt?“
Als wäre Achtsamkeit ein Turbo.
Meine Perspektive aus der Arbeit in Organisationen: Wir arbeiten nicht rücksichtslos an mehr Output um jeden Preis. Wir arbeiten an gesunder Leistungsfähigkeit. Und dafür ist Achtsamkeit extrem nützlich. Nur eben anders, als viele denken.
Achtsamkeit und Resilienz gehen dabei Hand in Hand, sind aber nicht dasselbe:
Wenn du Achtsamkeit isolierst, wirkt sie klein. Wenn du sie ins System setzt, wird sie sehr wirksam.
Zwei aktuelle Befunde setzen dafür eine Leitplanke:
Studie A (Greeson et al., 2025): Realer Arbeits-Rollout als Pre–Post-Design ohne Kontrollgruppe. Nach dem Kurs berichten Teilnehmende u. a. weniger Stress, mehr Mindfulness und besseres relationales Wohlbefinden; Veränderungen bei Work Performance fallen eher klein aus und bleiben in diesem Design vorsichtig zu interpretieren. Außerdem: mehr Übungspraxis hängt mit stärkeren Mindfulness-Zuwächsen zusammen; Menschen mit höherem Ausgangsstress profitieren in den Daten tendenziell stärker.
Wichtig: Ohne Kontrollgruppe keine harte Kausalität. Es zeigt, was in echten Rollouts passieren kann aber nicht, ob es „besser als Alternative X“ ist.
Studie B (Vainre et al., 2025): Meta-Analyse von RCTs zu Work Performance. Leitplanke: kleine Effekte gegenüber passiven Kontrollen; gegenüber aktiven Kontrollen kein klarer Zusatznutzen. Dazu Heterogenität und Bias-Risiken. Also keine Grundlage für große Leistungsversprechen.
Übersetzt in Führungskräfte-Sprache: Stress/Erleben ja „Produktivitäts-Turbo“ nein, zumindest nicht isoliert als direkte, großer und Hebel.
Und genau hier wird es praktisch: Wenn die Metrik nur „Output“ misst, misst sie oft am falschen Ort.
Denn Quantität ist nicht gleich Qualität und „mehr machen“ ist nicht automatisch „besser“.
In High-Performance-Teams entsteht Druck selten nur durch Anforderungen. Ein großer Teil entsteht durch das System: Ton, Reibung, unausgesprochene Konflikte, unachtsame Führung, ständige Mikroverletzungen, Kommunikationsmüll.
Ich nenne das die „zweite Last“: alles, was zusätzlich Energie frisst, obwohl die Aufgabe an sich schon anspruchsvoll genug ist.
Was ich in der Praxis häufig beobachte, ist diese Kette:
„Wenn im Team weniger unnötige Spannung ist, wird Leistung nicht härter sondern leichter.“
Ich halte viele gängige Messlogiken im Unternehmenskontext für unvollständig und kurzsichtig, wenn sie Achtsamkeit nur an „Performance-KPIs“ misst. Was ich über Jahre in Kundenfeedbacks und Projekten immer wieder höre und sehe (als Praxisbeobachtung):
Das sind keine „Achtsamkeit macht alles gut“-Aussagen. Das ist die nüchterne Logik:
Wenn Reibung sinkt, wird Kapazität frei. Und freie Kapazität ist in gestressten Systemen Gold.
Ich nutze gern ein Bild, weil es Führungskräften sofort klarmacht, worum es geht:
„Achtsamkeit ist Grip am Reifen.“
Sie macht das Auto nicht automatisch schneller aber ohne Grip machen Motor-Optimierung und Gewichtsreduktion die Fahrt viel gefährlicher.
Und jetzt die entscheidende Ergänzung:
„Mit gutem Grip kannst du die Geschwindigkeit erhöhen, ohne von der Straße abzukommen.“
Denn in der Praxis erhöhen wir Geschwindigkeit und Leistungsfähigkeit nicht nur über „mehr Gas“, sondern über zwei weitere Hebel:
Wenn das System mehr Tempo fährt (komplexer, schneller, anspruchsvoller), entscheidet Grip darüber, ob Teams stabil bleiben oder bei der nächsten Kurve (Stresssituation) wegrutschen: Konflikte, Zynismus, Fehler, Ausfälle.
Achtsamkeit ist die Verbindung zur Straße.
Resilienz und Stärkenfokus sind die Hebel, mit denen du sicher schneller werden kannst.
Die häufigsten Implementationsfehler sind nicht „fehlende Motivation“, sondern falsche Architektur.
Achtsamkeit ist selten ein Turbo. Sie ist Grip. Und Grip ist in gestressten Führungsrealitäten oft der Unterschied zwischen „noch mehr drücken“ und „endlich sauber führen“.
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